Vorwort
.move
new european media art
Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem bewegten Bild beginnt für einige mit Nam June Paiks Fernsehmanipulationen in den 1960ern, für andere bereits mit Walter Ruttmanns erstem abstrakten Experimentalfilm Opus 1 Anfang der 1920er. Ganz zu schweigen von den Experimenten mit bewegten Bildern, die Pioniere wie Eadweard Muybridge bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unternahmen.
Und welche Visionen verfolgen Künstler am Anfang des 21. Jahrhunderts? Warum nimmt das bewegte Bild einen immer größeren Stellenwert in der künstlerischen Produktion ein?
Der Medienphilosoph Vilém Flusser unterscheidet in seiner Kommunikologie zwischen dem Zeitalter der magischen Bilder, dem Zeitalter der Schrift und jenem der Technobilder, in dem wir uns gerade befinden. Unter Technobildern versteht Flusser alle Arten von technisch hergestellten Images wie Fotografie, Film bis hin zu Verkehrszeichen und Piktogrammen. Sie „kodifizieren“ die Welt, indem sie Begriffe illustrieren, statt Realität abzubilden. Missverständlich und trügerisch, können sie den Blick auf die Wirklichkeit verstellen. Laut Flusser müssen wir die Bedeutung und den Umgang mit Technobildern erst lernen: „Entweder wir leben in den undurchdringlichen Wänden bedeutungsloser Bilder oder machen aus diesen Bildern Brücken zur Welt.“ 1
Neue Brücken zur Welt zu schlagen, eben darin liegt die Herausforderung im künstlerischen Umgang mit technologisch erzeugten Bildern. Die 16 neuen Produktionen des European Media Artists in Residence Exchange (EMARE) loten frei und experimentell die individuellen Möglichkeiten des Bewegtbildes aus. Sie sind in den letzten beiden Jahren im Rahmen eines zweimonatigen Stipendiums in Bulgarien, England, den Niederlanden und Deutschland entstanden dank der Unterstützung des European Media Art Network InterSpace in Sofia, VIVID in Birmingham, Impakt in Utrecht und Werkleitz in Halle. Die Arbeiten spiegeln den kulturellen Background der Künstler und oft auch den des Gastlandes, in dem sie realisiert wurden. Sie sind heterogen wie der europäische Kontinent mit seinen diversen Kulturen, Mentalitäten und Sprachen.
Helene Sommer, Dagmar Keller & Martin Wittwer, Theo Prodromidis sowie Shu Lea Cheang beschäftigen sich mit Globalisierungsprozessen und ihrer Auswirkung auf Kultur und Selbstverständnis Bulgariens. Politische, ideologische und urbane Mechanismen werden gleichermaßen fokussiert. Um Fragen nationaler und individueller Identität kreisen auch die Arbeiten von Katarina Zdjelar und Ran Huang am Rande. Sie rücken jedoch interkulturelle Begegnungen ganz unterschiedlich in den Mittelpunkt. Während Karen Mirza & Brad Butler Wege der Stadtaneignung und der Bürgerpartizipation in Halle untersuchen, verfolgen Anna Molska & Krzysztof Franaszek einen ähnlichen Ansatz in Utrecht. Raymond Taudin Chabot und Tereza Severová intervenieren hingegen im Ausstellungsraum. Und schließlich thematisieren Nika Oblak & Primož Novak, Kurt D'Haeseleer, Thomas Köner, Paolo Cirio, Don Ritter, Julio Soto & Scott Petill kulturelle und mediale Phänomene. Nicht selten mit subversivem Humor. Die Interaktion der Besucher wird gleich mehrfach initiiert.
So steht der Titel der Ausstellung .move nicht allein für das bewegte Bild, dem sich alle Arbeiten verdanken, sondern auch für die physische Bewegung des Betrachters und seine psychische Mobilität, neue und ungewohnte Formen wahrzunehmen. Unterstützt durch die künstlerischen Audio-Guides von Ralf Wendt und Betram Weisshaar, die den urbanen Raum auditiv-assoziativ erschließen, lädt .move den Besucher zu einem Spaziergang durch den Stadtraum von Halle ein.
Internationale Medienkunstexperten, die Respondenten, wurden von den Veranstaltern eingeladen, eigene Texte zu den künstlerischen Arbeiten zu verfassen. Sie diskutieren die unterschiedlichen künstlerischen Positionen beim Eröffnungswochenende mit den Künstlern coram publico. Mit dem aus der Wissenschaft entlehnten Respondentenprinzip soll der Diskurs zwischen Künstlern, Experten und Publikum angeregt und vertieft werden.
Wir wünschen allen Teilnehmern und Besuchern dabei ein „bewegendes“ Erlebnis sei es vor Ort in Halle oder bei der Rezeption des vorliegenden Kataloges und der .move new european media art DVD.
Peter Zorn
Initiator und Koordinator des European Media Art Networks
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1 Vilém Flusser: Kommunikologie. Mannheim: Bollman 1996, S.110.